EN  |  DE

DÜSSELDORF | Konferenz: 21.- 22. Feb 2018
Ausstellung: 20.- 24. Feb 2018

EXPERIENCE INDUSTRY 4.0

Exclusives Interview mit Bernhard Langefeld, Roland Berger

Bernhard Langefeld
Bernhard Langefeld,
Principal,
Roland Berger,
Engineered Products & High Tech

Bernhard Langefeld, Principal bei Roland Berger, Engineered Products & High Tech

– Welches Potential schreiben Sie additiven Produktionsformen in den nächsten 10 Jahren zu?

Ich schreibe additiven Produktionsformen insgesamt großes Potential zu, allerdings mit gewissen Einschränkungen. Ursprünglich wurde Additive Manufacturing (AM) im Bereich der Prototypherstellung mit Kunststoffen eingesetzt. Für diesen Anwendungsfall sind die Verfahren schon sehr weit entwickelt und bieten bei hoher Effizienz enorme Möglichkeiten auch in den Bereich der Kleinserie hinein. Mittlerweile hält AM aber auch im Bereich der Serienfertigung industrieller Bauteile Einzug. Das wiederum betrachte ich mit etwas Skepsis, denn die Verfahren sind selbst bei der Verwendung von Kunststoffen noch recht teuer. Bisher gibt es also nur wenige Produkte, für deren Serienproduktion AM rentabel ist. Betrachtet man darüber hinaus das noch recht junge Segment der AM-basierten Metallprodukte, rechnen sich noch weniger Produkte in noch kleineren Nischen. Einer dieser Spezialfälle sind Komponenten aus Verbrennungssystemen – etwa einem Gasturbinenbrenner. Hier können die Vorteile von AM optimal genutzt werden: Optimierte Geometrie für maximalen Wirkungsgrad, Kühlkanäle nahe der Oberfläche und hochfeste Werkstoffe.

Grundsätzlich geht es darum, mittels additiver Produktionsformen die Kosten eines seriengefertigten Produkts über alle Phasen von dessen Lebenszyklus hinweg, also auch inklusive der Nutzungsphase, zu optimieren. Gewichtsreduktion oder optimierte Verbrennungsprozesse sind hier zur Zeit die größten Treiber, um in der Nutzungsphase Kosten einzusparen.

Das Verfahren des Additive Manufacturing wird momentan am besten im Werkzeug- und Formenbau sowie der Medizintechnikbranche von spezialisierten Zulieferern angewendet. Allerdings sind mittlerweile vor allem Großkonzerne die entscheidenden Treiber, um AM künftig auch für die Serienproduktion von Kunststoff- oder Metallteilen einsetzen zu können.

– Welche Probleme, Gefahren und Risiken sehen Sie mit zunehmender Verbreitung der 3D-Druck- Technologien?

Das größte Risiko, das ich sehe, ist ein Qualitäts- und Haftungsproblem durch sogenannte Piraten. Diese mitunter illegal agierenden Serviceanbieter können mit AM relativ schnell Ersatzteile kopieren, anfertigen und in Umlauf bringen. Das Bauteil würde äußerlich geometrisch identisch sein aber unter Umständen nicht den Festigkeitsanforderungen genügen. Zwar besteht das Problem auch ohne 3D-Druck-Technologien, diese senken aber möglicherweise die Hemmschwelle. Bisher wäre eine solche Kopie eines Ersatzteils durch AM aber noch viel zu teuer, sodass eine Zunahme der Produktpiraterie durch AM-Techniken eher ein Risiko der Zukunft darstellt.

– In welchen Branchen/Bereichen sehen Sie künftig die größten Anwendungsmöglichkeiten von additiven Produktionsformen?

Die besten Anwendungsmöglichkeiten von AM sehe ich im Industriesektor. In der Medizintechnik etwa kommt bereits der entscheidende Vorteil der „Mass-Customization“ von additiv produzierten Implantaten zum Tragen. Zahntechniker können die Geometriedaten dem Scan des Kiefers entnehmen und mittels eines 3D-Druckers die jeweilige Krone ohne Werkzeuge direkt herstellen. Ein anderer großer Anwendungsbereich ist die Luft- und Raumfahrttechnik, wo zum Beispiel bereits Einspritzdüsen für Triebwerke oder Luftkanäle von Flugzeugklimaanlagen additiv hergestellt werden. Dies sind Beispiele für erste Nischen, in denen Additive Manufacturing wirtschaftlich eingesetzt wird. Die neuste Generation von 3D-Druckern wird aber deutlich leistungsfähiger sein und immer mehr für die Serienfertigung ausgelegt sein. Dadurch wird die Ausbringung der Anlagen steigen und die Preise gleichzeitig fallen. Dies wiederum wird weitere Marktnischen für Additive Manufacturing erschließen.

– Könnte diese Technologie zu einer neuen “industriellen Revolution” beitragen?

Mit Sicherheit ist die Entwicklung zumindest teilweise revolutionär, weil sie eine Abkehr von klassischen Werkzeugen und Prozessketten bedeutet. Aber diese Revolution ist kein Sturm sondern findet graduell statt – es ist also wohl eher die Fortsetzung der industriellen Evolution. Bis wir im metallischen Bereich ähnliche Infrastrukturen und Effizienzen erreicht haben, wie sie mittlerweile mit Kunststoff möglich sind, werden schätzungsweise noch mindestens zehn Jahre vergehen.

– Wird es künftig weiterhin Zusammenschlüsse von Unternehmen geben, die sich auf 3D-Drucktechniken spezialisiert haben?

Ich denke, dass die erste Konsolidierungswelle bereits zu rund 80 Prozent abgeschlossen ist. Heute ist die Situation so, dass weltweit die vier wichtigsten Hersteller von 3D-Druckern für Metall aus Deutschland kommen. Allerdings werden demnächst einige wichtige Patente auslaufen, so dass wohlmöglich neue Akteure den Markt bespielen könnten. Und aus den USA werden vermutlich auch bald Hersteller auf sich aufmerksam machen, um die heimische Rüstungs- und Flugzeugindustrie aus der Abhängigkeit von deutschen Firmen zu lösen.

– Welche Entwicklungen erwarten Sie in den nächsten 5 Jahren?

Meiner Ansicht nach, müssen die Produktionskosten bei metallischen Verfahren fallen, um mehr Marktanteile in neuen Anwendungsbereichen gewinnen zu können. Neben den Kosten ist jedoch auch die Qualität der druckbaren Materialien entscheidend: Zum Beispiel wird derzeit daran gearbeitet, künftig auch Materialien verarbeiten zu können, die hohen Ansprüchen an Festigkeit und Steifigkeit genügen.

– Von der Perspektive eines Strategieberaters: Wo sehen Sie die Stärke der Technologie? Wie unterstützt Roland Berger seine Kunden?

Bei Roland Berger betreuen wir zweierlei Kundentypen im Bereich des Additive Manufacturing: Zum einen beraten wir Großkonzerne, die meist in der Konzernforschung das Thema AM schon behandeln und nun an einer zügigen Industrialisierung interessiert sind. Zum anderen unterstützen wir Firmen, die AM bisher nicht gekannt haben. Solchen Unternehmen helfen wir bei der Entscheidung, ob das Verfahren überhaupt Sinn für ihr Geschäftsmodell macht und welche Kosten damit verbunden wären. In beiden Fällen erarbeiten wir mit unseren Kunden Strategien für den richtigen Umgang mit Additive Manufacturing.

– Was erhoffen Sie sich von der Inside 3D Printing Konferenz?

Ich bin mir sicher, dass die Konferenz ein sehr geeigneter Ort ist, um mit anderen AM-Experten zusammenzukommen, sich auszutauschen und vielleicht sogar die ein oder andere Neuheit zu entdecken.

06. März 2014 - 12:33

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.